Der gewöhnliche Rassismus. Politik – Betrieb – Alltag 1996/6

Der gewöhnliche Rassismus.
Politik – Betrieb – Alltag

Die Grenzen der Demokratie
Giaco Schiesser

Was ist aus dem Begreifen dessen, was im alltäglichen Rassismus vor sich geht, für antirassistische Arbeit zu lernen? Langfristige Versuche, Rassismus zu bekämpfen, so meine These, müssen am Interesse der Leute, sich die Welt zu erklären und sich in ihre Angelegenheiten einzumischen, ansetzen.

An dem, was Etienne Balibar einmal als populären „Willen zum Wissen, d.h. als heftiges Begehren nach Erkenntnis, nach einer unmittelbaren  Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse“ (Balibar 1989, 371; Herv.i.O.), der britische Rassismusforscher Phil Cohen als „Wiederkehr des Verdrängten“ und, in anderem Zusammenhang, der Fernsehmacher und Gesellschaftstheoretiker Alexander Kluge als  „Eigensinn“ umschrieben haben und was rassistisch ausgelebt wird.

Noch immer neigen manche AntirassistInnen dazu, diesen „Eigensinn“, dieses „heftige Begehren nach unmittelbarer Einsicht in die gesellschaftlichen Verhältnisse“ als „falsches Bewußtsein“ oder noch einfacher als Dummheit der Menschen zu denunzieren, statt sie als gefesselte Formen von Welterklärung und Bedürfnisbefriedigung zu begreifen, an die gerade angesetzt werden müsse.